Nomen est omen: Gerhard Krachers Vertikale schlug voll ein

Zeitreise abseits des süßen Klischees: „KRACHER meets KASTNER AllesWein“

„Wir hatten kein Geld und auch keinen Platz“ – mit bescheidenen Worten erklärte Gerhard Kracher, warum es aus dem Gründungsjahr des damals noch nicht weltberühmten Illmitzer Weinguts keine einzige Flasche mehr gibt. Die persönliche, ebenso humorvolle wie emotionale Präsentation (wenn die Rede auf seinen 2007 verstorbenen Vater „Luis“ kam) war eine vinophile Sternstunde. Das hatte KR Christof Kastner schon in den Begrüßungsworten in der Wiener Labstelle angekündigt. Die Welschriesling Trockenbeerenauslese (TBA) aus dem Jahrgang 1981 (!) verkostet man wohl nur einmal im Leben. „Den mache ich selbst nur an meinem Geburtstag auf“, kommentierte Kracher, der so alt ist wie dieser von Trockenfrüchten und Rosinen geprägte Wein, den ersten der 16 Prädikatsweine.

Am Weingut legte Großvater Alois sen. den Grundstock für den späteren Erfolg. „Vor 1959 war das keine Qualität“, pflegte er immer zu sagen – weshalb der Weinlaubenhof Kracher heuer sein 60. Bestehen feiert, auch wenn schon länger Wein gekeltert wurde. Markante Eckpunkte der Hof-Geschichte bildete der Winzer mit Weinen aus dem Archiv ab: „2006 war der letzte gemeinsam mit meinem Vater gefüllte Jahrgang“. Den Durchbruch im internationalen Bereich, dem man heute die Präsenz in 60 Ländern verdankt, schaffte der Vater bereits 1995. Die legendäre Londoner Vergleichskost gegen Yquem des bauernschlauen Illmitzers wurde in der Erzählung ebenso zum Anlass für Heiterkeit wie die Geschichte der weltgrößten Weinflasche mit Süßwein („plötzlich war ein Drittel der Jahresproduktion da drin“).

Die Qualität der edelsüßen Spezialitäten zeigte sich nicht nur im Vergleich zehn (2009 TBA No. 10 Scheurebe) und 20 Jahre (1999 TBA No. 3 Welchriesling/Chardonnay) zurück, sondern auch im gastronomischen Einsatz. Ob zur Auster – eine schwere Empfehlung Gerhard Krachers! – klassisch zu Süßspeisen oder zum Edelschimmel-Käse passen die Seewinkler TBAs viel öfter, als man sie in den Wein-Begleitungen findet.

Dass sich unter den 2.200 Weinpositionen von KASTNER auch feinste Prädikate finden, zeigte die Verkostung eindrucksvoll auf: Der praktisch vergriffene Jubiläumswein – die 2017er TBA vom Welschriesling aus einer 60 Jahre alten Anlage – ist so noch erhältlich. Und mit diesem „Anniversary“ im Retro-Design schloss die Verkostung auch ab, „erst letzte Woche hat ihn der Weinkritiker René Gabriel mit 20 von 20 Punkten bewertet“, so Kracher. Der Wein ist eine einmalige Abfüllung mit emotionalem Wert für den Winzer: „Diesen Weingarten hat der Großvater 1959 gepflanzt, das auch das Geburtsjahr meines Vaters war“. Und gleichzeitig der Beginn einer der größten Erfolgsgeschichten des heimischen Weinbaus. Entsprechend lange hallte der Applaus in der „Labstelle“ nach. Oder – wie es Head Sommelier Josef Maria Schuster formulierte: „Das ist eine der Verkostungen, an die man auch in einigen Jahren noch denken wird“.

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